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DAS LEBEN DER MÄCHTIGEN


Reisen zu alten Bäumen - von Zora del Buono - Lesen Sie außerdem das Interview zwischen der Autorin und der Baumkönigin über ihre Leidenschaft: Bäume


Zum Buch

Wenn Bäume sprechen könnten, was würden sie uns erzählen? Zora del Buono hat sich zu den ältesten Bäumen Europas und Nordamerikas aufgemacht, um den Geschichten dieser ungewöhnlichen, zum Teil Abertausende von Jahren alten Lebewesen zu lauschen.
Zora del Buono, Judith Schalansky (Hg.)
"Das Leben der Mächtigen" - Reisen zu alten Bäumen
30 Abbildungen, Matthes & Seitz 2015, 147 Seiten

 

Gespräch zwischen Zora del Buono und Claudia Schulze (Baumkönigin 2015)

Ein Jahr mit Bäumen

Für die Försterin Claudia Schulze und die Schriftstellerin Zora del Buono war das vergangene Jahr ein besonderes: Claudia Schulze war Baumkönigin 2015 und Zora del Buono schrieb ihr Buch „Das Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen“, für das sie 15 der ältesten Bäume der Welt besuchte.

 

Ein Gespräch zwischen zwei Frauen unterschiedlicher Profession und Generation, aber mit einer Leidenschaft: Bäume.

Zora del Buono: Wie wird man eigentlich Baumkönigin? Was ist der Unterschied zur Weinkönigin?

Claudia Schulze: Weinkönigin zu werden ist komplizierter, da gibt es Gremien, man muss sich vorstellen und Vorträge halten. Für die Baumkönigin gibt es eine Ausschreibung, die gilt deutschlandweit. Man bewirbt sich und die Stiftung entscheidet nach einem Gespräch.

Del Buono: Aber erst wird der Baum des Jahres gewählt?

Schulze: Der ist dann schon gewählt, die Benennung der Baumkönigin geschieht bei der Ausrufung.

Del Buono: Sie wussten schon, dass Sie den Feldahorn vertreten werden?

Schulze: Ich wusste vorher, dass er zur Auswahl steht. Die Fichte wäre auch dabei gewesen, und ich muss ehrlich sagen, die Fichte wäre mir lieber gewesen, die polarisiert mehr.

Del Buono: Der Feldahorn ist nicht so eindrücklich.

Schulze: Im Berliner Tiergarten gibt es ein paar eindrückliche Exemplare. Aber die meisten Feldahorne wachsen eher buschartig, man sieht viele von ihnen an Autobahnen oder entlang der Bahnstrecken.

Del Buono: In meinem Jahr mit den 15 Bäumen – einem toten und 14 lebenden – hat sich mein Verhältnis zu Bäumen stark verändert, ich nehme sie anders wahr und das wird wohl auch so bleiben. Ich bin gewissermaßen Baum-sensibilisiert. Ich bin ja keine Biologin, daher war vieles neu für mich. Hat sich Ihr Verhältnis zum Feldahorn auch verändert? Sie sind als Försterin von Berufes wegen ja mit Bäumen beschäftigt.

Schulze: Wir haben viele Pflanzungen vorgenommen, mit Kindergärten zusammen zum Beispiel, ich habe Bilder auf facebook gestellt. Vor allem im Herbst in der Feldahorn schön. Wenn ich einen sehe, denke ich schon, wie nett, ein Feldahorn. Aber bei der Fichte hätte ich mehr Ideen gehabt, da hätte man eine ganze Filmreihe machen können, wie die Fichte im letzten Jahrhundert wahrgenommen wurde. Fichten kommen in vielen Filmen vor. Auch Exkursionen zu besonderen Fichten- oder Douglasienbeständen wären toll gewesen, das alles ist beim Feldahorn nicht so einfach.

Del Buono: Ja, die Douglasie. Da hätte man über das Fremde und das Eigene nachdenken können, über Importe, über Migration. In der Schweiz gibt es viele Mammutbäume, die sind um 1880 sehr in Mode gewesen bei den Reichen für ihre Parks. Heute sind das imposante Bäume, die sehr gut gedeihen. Wäre denn ein Import möglich als Baum des Jahres?

Schulze: Das kann man nicht so einfach beantworten. Das Kuratorium Baum des Jahres kann grundsätzlich jeden Baum wählen. Aber unsere einheimischen standen bisher im Fokus. Sie haben auch einen Mammutbaum besucht für das Buch, nicht wahr?

Del Buono: Ja, von den 15 Bäumen, die ich besucht habe, wachsen sechs in den USA. Unter anderem war ich beim „General Sherman Tree“ in Kalifornien. Dieser Mammutbaum ist der voluminöseste Baum der Welt, über den es wahnsinnige Geschichten zu erzählen gibt. Vor über hundert Jahren haben nämlich ein paar Marxisten in dem Wald eine utopische Gesellschaft verwirklichen wollen. Sie wollten vom Holzfällen leben und dieser Wald gehörte niemandem. Zudem war zu der Zeit das Holz des Mammutbaums besonders gefragt für den Hausbau in San Francisco. Den imposantesten Baum benannten sie nach ihrem Vorbild, Karl Marx. Im Nachhinein ist es ein Glück, dass den Utopisten ihr Traum von einem freien Leben in der Natur verboten und der Nationalpark eingerichtet wurde. Sonst wären all diese zwei- und dreitausend Jahre alten Riesen jetzt tot.

Schulze: Das mit dem Fällen ist so eine Sache. Einerseits liebe ich Bäume und möchte sie schützen, andererseits ist es mein Beruf, durch den Bestand zu laufen, um für den Hieb zu markieren, welcher Baum gefällt werden soll –es gibt Kriterien, welcher es sein soll, es geht schließlich um Forstwirtschaft. Man darf sich da nicht jedes Mal die Frage stellen, welcher darf leben und welcher muss sterben, nur weil ich ihn ankreuze. Da würde man verrückt werden, das ist ja eine ethische Frage. Es ist schon auffällig, dass die Forstsprache mit einer „nazihaften“ Terminologien auskommt, da geht es immer um den Stärksten, den Vitalsten, den man fördern muss, damit er Geld bringt. Aber viele Leute haben eine seltsame Vorstellung vom Wald, die meisten denken ja, es sei ihr Wald. Die wissen gar nicht, dass der Wald jemandem gehört und sie quasi durch dessen Garten gehen. Wälder gehören dem Staat, Privaten, oft Adligen oder auch der Bahn. Viele Leute vergessen auch, dass es ein Wirtschaftsraum ist. Wir sitzen alle auf Holzstühlen, glauben Sie bloß nicht, dass die alle nachhaltig produziert sind.

Del Buono: Sie leben in Berlin, aber ihr Revier liegt in Hessen?

Schulze: Ich bin Anwärterin in einem Revier im Spessart. Der Wald, in dem ich mich beruflich bewege, ist nahezu menschenleer. Manchmal treffe ich an einem Tag keinen einzigen Menschen an. Es ist in einem Wald sicher einfacher, zu entscheiden, welcher Baum gefällt wird, als wenn man einen alten Einzelbaum auf einer Wiese vor sich stehen hat. Den nimmt man doch mehr als Persönlichkeiten wahr.

Del Buono: Das war der Grund, warum ich mich auf Einzelbäume konzentriert habe. Aber im Laufe des Jahres habe ich so viel über Bäume gelernt, dass ich als nächstes einen Wald porträtieren möchte.

Schulze: Nach welchen Kriterien haben Sie die Bäume denn ausgesucht? Haben Sie alle besuchen können, die Sie wollten?

Del Buono: Leider war der Aufwand zu groß, ich habe asiatische und afrikanische Bäume auslassen müssen.

Schulze: Keinen Baobab?

Del Buono: Keinen Baobab. Ich habe mich auf Europa und Amerika konzentriert. Es gibt ein paar legendäre Bäume in Europa, eine Kastanie in Sizilien, die schon vor Christi Geburt lebte und um die sich erotische Mythen ranken, den winzigen Old Tjikko in Schweden, dessen Entdeckung die Klimaforschung veränderte und eine Eiche in der Normandie, die eine Kapelle und eine Kammer für einen Eremiten in ihrem Inneren beherbergt. Da ich Schweizerin bin, habe ich aber auch die berühmte Linde von Linn besucht, und weil ich in Berlin lebe, die Geschichte des ältesten Baums der Stadt erzählt, eine Eiche, die leider bald stirbt und vor der schon Goethe stand, sie heißt „Dicke Marie“. Und den ältesten Baum Deutschlands habe ich porträtiert, die Linde von Schenklensfeld, an dem Baum kann man die gesamte deutsche Geschichte erzählen, sie war Gerichtslinde, Tanzlinde und dann gibt es eine große jüdische Geschichte um sie herum. Schenklengsfeld war sehr beeindruckend und auch gruselig. Aber letzten Endes haben mich die alten Redwoods, die im Wald wachsen, noch mehr berührt. Die Vorstellung, dass es einer von Millionen Samen war, der es vor Tausenden von Jahren geschafft hat, zu einem Baum zu werden und allen Widrigkeiten zu trotzen. Es ist natürlich kitschig, dass mich das rührt.

Schulze: Ich finde das nicht kitschig. Ich denke das auch oft, wenn ich durch einen Buchenwald gehe und auf dem Boden diese winzigen Buchen sehen, die zu Anfang aussehen, als ob sie Elefantenohren hätten und für den Laien kaum als Buchen erkennbar sind. Wenn man sich dann vorstellt, dass aus so einem Kleinen ein Riese wird, den ich nie umschubsen könnte, dann ist das schon toll.

Del Buono: Ich mag es besonders die Vorstellung, dass ein Baum sich immer verändert. Die „Dicke Marie“, die Goethe gesehen hat, ist ein ganz anderer Baum gewesen, obwohl es der selbe ist. Bäume erneuern sich ja ständig. Und wir können das im Kleinen verfolgen, durch die verschiedenen Jahreszeiten etwa. Ich mag Laubbäume am liebsten im Winter. Dann sieht man das am besten, was ich „das Gestell“ nenne, die Struktur des Baumes. Ich bin ursprünglich Architektin und daher fasziniert mich vor allem das Skupturale an Bäumen.

Schulze: Kann man das denn alles in Worte fassen? Können Sie Ihre Erinnerungen adäquat beschreiben?

Del Buono: Es ist schwierig, denn Sprache ist beschränkt. Zudem mag ich ausführliche Beschreibungen nicht so gerne, ich finde, das stört die Fantasie des Lesers. Bei meinen Romanen arbeite ich viel mit Auslassungen, so können sich die Leser ihre eigenen Bilder erschaffen. Bei den Baumgeschichten ist das schwieriger, aber wenn ich schreibe, eine Linde im winterlichen Licht einer Straßenlampe sieht aus wie ein Schattenriss, dann haben Sie ein eigenes Bild im Kopf und es ist nicht so wichtig, ob der Baum jetzt links oder rechts höher ist. Man darf auch nicht zu sehr ins Gefühlige abgleiten, denn der Baum löst bei mir als Betrachterin ja etwas aus. Den Baum interessieren meine Gefühle aber nicht. Vielleicht ist es dieses Ungleichgewicht, das interessant ist. Bäume lösen bei uns etwas aus, aber wir entscheiden, was mit ihnen passiert.

Schulze: Ich bin zwar gläubig, aber nicht esoterisch. Und dennoch empfinde ich eine Kraft, die von einem Baum ausgeht, er ist ja schließlich ein Lebewesen. Wenn man ihn anfasst, ist es ein lebendiges Wesen. Klar fühlt der Baum das nicht wie ein Hund, den ich streichle.

Del Buono: Bei den Redwoods oben spürt man das ganz besonders, vor allem wenn man alleine durch diese Wälder streift. Da fühlt man sich so klein, so unwichtig. Und damit ganz eins mit der Umgebung.

Schulze: „Der Mensch ist wie eine Blume auf dem Feld, da kommt ein heißer Wind“, das steht schon in der Bibel. Wenn man gläubig ist, ist das ein Teil der Schöpfung. Wenn ich einen Baum oder einen Wald sehe und wie das mit den Tieren alles ineinander greift, dann sehe ich einen Teil von Gottes Kreativität und kann nur staunend davor stehen.

Del Buono: Ich bin nicht gläubig und trotzdem überwältigt. Vielleicht ist das alles zu groß für unser Denken. Ich finde es toll, dass wir überfordert sind. Und gut, wenn wir uns dieser Überforderung hingeben.

Schulze: Zu welchem Baum würden Sie noch einmal hingehen?

Del Buono: Am liebsten zu allen. Aber natürlich möchte ich denjenigen besuchen, den ich nicht geschafft habe, in den White Mountains in Kalifornien. Ich habe die letzten zwei Kilometer nicht bewältigt, wegen des hohen Schnees. Da wachsen die 17 ältesten Bäume der Welt, es sind Bristlecone Pines, Langlebige Kiefern, deren Holz aussieht wie gedrechselt, sie erinnern an kleine Gnome. Die stehen sehr locker herum, es ist kein dichter Wald, eher eine lose Ansammlung mittelgroßer Bäume mit einer Menge Totholz. Dort gibt es keine anderen Bäume mehr, die leben total konkurrenzfrei da oben. Die Behörden geben nicht bekannt, welches der älteste ist, er ist über 5000 Jahre alt. In den Sechzigerjahren hat nämlich ein Student den ältesten bekannten Baum der Welt gefällt und das soll nicht noch einmal passieren. Ich bin alleine auf 3000 Meter Höhe im Schnee zwischen all den Bristlecone Pines herumgestapft und habe es nicht bis zu dem Hügel mit den ältesten geschafft. Aber dann habe ich gemerkt, dass es letzten Endes total egal ist, welches der älteste ist, das sind Zeitdimensionen, die außerhalb meiner Vorstellungskraft sind. Da möchte ich noch einmal hin, aber im Sommer, wenn kein Schnee liegt. Und anschließend besuche ich den General Sherman Tree wieder. Das ist dann schon ein alter Bekannter.

 

 

 

 

 


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