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Baumschreiberin Claudia Schulze: Was ich beim Besuch eines Moores erlebt und gelernt habe.


Unsere Baumschreiberin berichtet: "Es ist eisig kalt. Die eigenen Füße spüre ich in den von Wasser durchnässten Stiefel nicht mehr.. "


Claudia Schulze

Kaum mehr als drei Zentimeter groß und doch ein Teil lebendiger Geschichte aus dem Moor.

Nach fünftausend Jahren wieder ans Tageslicht befördert - ein Stückchen Moorbirke.

 

 

Es ist eisig kalt. Die eigenen Füße spüre ich in den von Wasser durchnässten Stiefel nicht mehr. Hier oben auf fast 1.000 müNN ist der scharfe Februarwind noch schneidender. Schon einige Male an diesem Morgen habe ich mich weggewünscht von diesem unwirtlichen Ort. Da legt der hagere Mann neben mir etwas in meine Hand. Der Anblick lässt mich für einen Moment die Kälte vergessen.

Dieses unscheinbare Stückchen Holz, kaum drei Zentimeter groß, haben wir soeben mit einem Bohrstock aus der Mitte des Moores, in dem wir stehen, wieder zu Tage gefördert. Es ist fünftausend Jahre alt. Die Moorbirke hat hier in einer fünf Meter dicken Schickt aus Torf geschlummert, bis unser kleines Team es aus seinem Dornröschenschlaf geküsst hat.Der Ort an dem wir stehen ist geschichtsträchtig: vor Jahrhunderten bemühten sich Benediktinermönchen Torf als Brennmaterial abzustechen, zur Zeit des Nationalsozialismus schaufelte die Hitlerjugend tatkräftig Gräben um die „feuchte Ecke“ später in urbaren Hochwald zu verwandeln. Vor einigen Jahren erkannte der Förster bei einer Holzerntemaßnahme was er da eigentlich vor sich hatte: ein wirkliches Hochmoor.

Wachsender Lebensraum Moor

Um Moore ranken sich zahllose Legenden. Nicht selten sind sie Orte, an denen sich unheimliche Dinge zutragen, eine gewisse Schauerromantik haftet ihnen bis heute an.
Aber zunächst ist ein Moor ein Bereich mit dauerhaftem Wasserüberschuss. Das macht es zu einem so besonderen Lebensraum. Eine stauende Schicht im Boden verhindert, dass Niederschlag oder anstehendes Grundwasser versickern. Der ständige Wasserstau führt zu Sauerstoffarmut im Boden, das verhindert den Abbau pflanzlicher Reste. Der sogenannte Torf entsteht. Diese abgestorbenen und zusammengepressten Pflanzenteile lassen das Moor langsam in die Höhe „wachsen“ – im Schnitt einen Millimeter pro Jahr.

Moor ist nicht gleich Moor

Förster und Biologen unterscheiden verschiedene Moortypen: Niedermoor und Hochmoor.
Ein Niedermoor entsteht häufig in feuchten Senken in denen das Grundwasser nicht abfließen kann.
Das Hochmoor ist nicht auf Grundwasser angewiesen. Durch die wasserundurchlässige Bodenschicht fließen Niederschläge nicht ab. Auch hier entsteht Torf, das Moor wächst in die Höhe. Hochmoore wachsen meist rascher und intensiver als Niedermoore.

Es gibt weitere zahlreiche Moortypen (Zwischenmoore) mit unterschiedlichsten Ausprägungen im Nährstoffgehalt. Ein Niedermoor kann sich bei geeigneten Bedingungen z.B. zu einem Hochmoor entwickeln.

Bizarre Artenvielfalt

Ein Moor ist eine wahre Fundgrube seltener Arten, hier bildet sich eine eigenwillige, typische Vegetation aus. Während ein Niedermoor an einen struppigen, feuchten Wald erinnert, ist ein Hochmoor ein eher karger, mit niedrigen Pflanzen bewachsener Lebensraum. Die Vegetation im Niedermoor zeigt ein Waldbild aus dichten und hochwüchsigen Erlen und Birken ( Erlenbruchwald), Gräsern und .?... Im Hochmoor finden sich Torfmoose, Sonnentau (eine fleischfressende Pflanze!) und Wollgräser. Bäume wie Zwergbirken und Moorkiefern (sog. Spirken) wachsen eher mickrig vor sich hin. Zur Tierwelt der Hochmoore gehört ursprünglich auch das Auerhuhn.

Verkannter Klimaschützer

Weil ein Moor zwar eine wahre Schatzkiste der Natur ist, für den Menschen aber kaum land- oder forstwirtschaftlichen Nutzen hat, haben Menschen seit Jahrhunderten versucht, diese Bereiche urbar zu machen. Kultivierung von Mooren hat lange Tradition, so errichteten z.B. die Römer das Forum Romanum auf einem Moor das einst als Grabstätte diente. 
So bemühten sich häufig Mönche, Torf zu gewinnen. Diesen nutzte man als Brennmaterial, Baustoff und Einstreu für die Ställe. 
Zur Entwässerung wurden Gräben angelegt. Im 18. Und 19. Jahrhundert fand eine systematische Kultivierung und Torfabbau statt.

Viele Moore sind aufgrund der intensiven Nutzung verschwunden. Das ist ein Problem, denn Moore erfüllen wichtige Aufgaben. Durch ihr hohes Wasserspeichervermögen sind als natürlicher Hochwasserschutz sehr wirksam.
Außerdem sind Moore richtige Wunderwaffen im Klimaschutz: sie machen zwar nur drei Prozent der Landfläche der Erde aus, speichern aber doppelt so viel Kohlenstoffdioxid wie alle Wälder zusammen. Sie fungieren quasi als „CO2-Senke“. Entwässerte Moore setzen hingegen große Mengen klimaschädlicher Gase frei.

Moore schützen

In vielen kultivierten Mooren sind von den typischen Arten meist kaum noch welche vorhanden.
Zur Renaturierung eines Hochmoores ist der erste Schritt die Beseitigung beschattender Nadelbäume. Dann folgt eine Abdämmung der Entwässerungsgräben. So kann sich das Wasser wieder stauen und das Moor erneut vernässen. Hierbei sollten aber Experten am Werk sein. Denn für eine erfolgreiche Moorrenaturierung ist eine Menge Fachwissen und Erfahrung notwendig. 
Die Renaturierung ist erfolgreich, sobald sich die arttypischen Pflanzen (z.B. Torfmoose) wieder ansiedeln und die Torfdecke wieder zu wachsen beginnt .

Obwohl man heute um die wichtigen Auswirkungen der Moore weiß und sich um Renaturierung bemüht, wird in einigen Teilen Deutschlands noch immer Torfabbau betrieben. Dieser landet z.B. in Blumenerde. Hier können sich Verbraucher aktiv am Klimaschutz beteiligen und den Kauf solcher Produkte vermeiden.

Und ich...
Von weitem sähe man nur zwei Gestalten im Moor stehen, eine etwas kleiner, weniger entschlossen und zitternd. Der Moorexperte legt den fünf Meter langen Bohrstock zur Seite und notiert „Fünf Meter, Wollgras, Moorbirke“, dann stapft er zum nächsten Bohrpunkt. Ich bleibe kurz zurück und betrachte noch immer das Stückchen Holz in meiner Hand. Die Rinde trocknet im eisigen Wind und schimmert silbrig-grau. Fünftausend Jahre... unglaublich.
Es hat mich in den nächsten vier Jahren meines Studiums der Forstwirtschaft täglich in die Uni begleitet.

 

 

Claudia Schulze

 

 

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"Wir freuen uns, dass wir die Dt. Baumkönigin 2015, Frau Claudia Schulze, als Baumschreiberin gewinnen konnten.
Die bisherige, Frau Liebau, hat sich beruflich verändert.
Frau Schulze hat Ihren ersten Beitrag einem z.Z. aktuell und kontrovers diskutiertem Thema gewidmet :

"Douglasie - Chance oder Ärgernis für die deutsche Forstwirtschaft" 

 

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