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Kreislauf Totholz, Zeichnung: Lil Wendeler
Hirschkäfer, Zeichnung: Lil Wendeler
Ammenverjüngung, Foto: Silvius Wodarz

 

Totholz – alles andere als tot!

 

Unter Totholz versteht man in erster Linie abgestorbene Bäume oder Teile davon. Aber Totholz ist viel mehr als das! Was auf de ersten Blick „tot“ aussieht, ist es ganz und gar nicht!Absterbende oder „tote“ Bäume bieten einer Vielzahl von Arten und Lebewesen ein Zuhause. Ein solches „Zuhause“ wird auch als „Biotop“ bezeichnet, daher findet auch der Begriff „Biotopholz“ immer wieder Anwendung.

Nicht alle Arten benötigen die gleichen Strukturen, man unterscheidet:

stehendes Totholz: diese Bäume sind noch verwurzelt und nicht zu Boden gefallen. Man erkennt sie am Fehlen der Blätter und Äste oder daran, dass lediglich noch die Stammachse steht. Stehendes Totholz ist seltener und deshalb ökologisch besonders wertvoll.
liegendes Totholz: hier liegen Stämme, Kronenteile und Äste bereits auf der Erde. Der Prozess der Zersetzung (das Vermodern) schreitet durch den Bodenkontakt und die Feuchtigkeit zügiger voran.

Warum ist Totholz wertvoll?

Totholz – oder besser Biotopholz – stellt für viele Arten eine Lebensgrundlage dar. Pilze, Moose, Käfer, Insekten, Vögel, Fledermäuse und viele weitere Lebewesen sind auf Totholz angewiesen. Die Anwesenheit dieser Arten bereichert unsere Wälder und deutet auf ein intaktes, gesundes Ökosystem hin. Und da der Wald nicht nur Wirtschafts- sondern auch Lebensraum ist, hat jeder Waldbesitzer die besondere Verantwortung, diesen nach bestem Wissen und Gewissen zu fördern.

Wie entsteht Totholz?

Es gibt eine Vielzahl von Ereignissen, durch die es zur Bildung von Totholz kommen kann. Der natürlichste Weg ist ein altersbedingter Absterbeprozess des Baumes. Diese Phase erreicht aber – besonders in unseren Deutschen Wirtschaftswäldern – längst nicht jeder Baum. Totholz kann aber auch durch Umwelteinflüsse, wie Sturm, Überflutungen, Waldbrand, Trockenheit, Insekten, schwankenden Grundwasserspiegel und Holzernte und entstehen.

Chemische Prozesse

Wie bei fast allen Organismen (Menschen, Tieren, Pflanzen) tritt der Tod ein, wenn die Wasser- oder Nährstoffversorgung nicht mehr gewährleistet ist. Die Geschwindigkeit dieses Absterbeprozesses hängt mit dem Grad des Mangels zusammen.
Wasser: Mithilfe der Wurzeln zieht der Baum Wasser aus dem Boden, die eigentliche Wasserversorgung verläuft dann im Inneren der Stammachse. Hier befindet sich ein System von „feinen Röhrchen“ durch die das Wasser in die Höhe gepumpt und in die Blätter verteilt wird – die sogenannte Kapillarwirkung.
Nahrung: im Gegensatz zu Menschen und Tieren benötigen Pflanzen keine Nahrung im eigentlichen Sinne. Aber auch sie brauchen gewisse Nährstoffe um wachsen zu können: Magnesium, Calcium, Phosphor, Salze, usw. Dieses kleine Wunder des Wachsens nennt man Assimilation oder Photosynthese. Dabei werden Nährstoffe, Wasser und Licht zu Traubenzucker und schließlich in Biomasse (z.B. Blätter) umgewandelt.
Der Baum nimmt Nährstoffe über das „Kambium“ auf. Das ist eine dünne Schicht die sich unter der Rinde um den Holzkörper spannt. Wir das Kambium beschädigt oder unterbrochen, kann der Baum keine Nährstoffe mehr aufnehmen.
Luft: Bäume atmen über sogenannte Stomata (Spaltöffnungen). Diese befinden sich auf der Unterseite der Blätter und überall in der Rinde. Dabei nehmen sie Kohlenstoffdioxid (CO2) auf und wandeln dieses bei der Photosynthese in den, für andere Organismen, lebenswichtigen Sauerstoff (O2) um.
Licht: Licht ist für alle Pflanzen wichtig um Wachstum zu ermöglichen. Wieviel Licht benötigt wird, hängt von der jeweiligen Baumart ab.

Werden einem Baum nun dauerhaft diese Lebensgrundlagen entzogen – Wasser, Nährstoffe, Biomasse – erleidet er das gleiche Schicksal wie jedes andere Lebewesen: er verhungert oder verdurstet.

Kreislauf Totholz

Ein Same fällt von seinem Mutterbaum herab auf die Erde. Nach einiger Zeit treibt er die ersten Blätter aus und mit ein bisschen Glück gedeiht er mit der Zeit zu einem stattlichen Baum. Sobald der Baum an „Vitalität“ (= Kraft, Energie) verliert, wird er interessant für eine Vielzahl von Arten. Pilze siedeln sich an kleinen Verletzungen der Rinde, in Astgabeln oder an feuchten Stellen an. Dort beginnen sie dem Baum Nährstoffe zu entziehen und den Holzkörper langsam zu zersetzen. Hier finden Spechte geeignete Voraussetzungen um ihre Höhlen zu zimmern. Damit erweisen sie einer Menge anderen Vogel- und Säugetierarten, die sich keine eigenen Baumhöhlen bauen können, einen wichtigen Dienst. Auch eine Menge von Käfer- und Insektenarten, benötigen genau die, von den Pilzen „vorbereitete“ Holzstruktur und legen dort ihre Eier ab. Auf der Rinde des Totholzes wachsen Pflanzen wie Moose und Flechten. Schlussendlich haben Pilze den Baum soweit zersetzt, dass er zu Humus wird und die im Holz enthaltenen Nährstoffe wieder in den Boden gelangen um dort anderen Pflanzen zum Wachstum zu dienen. Der Kreislauf schließt sich.

Neues Leben entsteht

An Totholz kann man immer wieder ein faszinierendes Phänomen beobachten – die sogenannte Kadaververjüngung. Ein Sämling findet auf einem abgestorbenen Baum oder einem verrottenden Stubben (Wurzelstock) einen Platz an dem er keimen kann. Durch die Zersetzung des Holzes werden Nährstoffe für das kleine Pflänzchen verfügbar. Der wohl passendere Begriff wäre Ammenverjüngung, denn das Totholz ernährt die auf ihm wachsende junge Pflanze wie eine "Amme".

Urwald vs. Alterklassenwald

Lebensdauer und Zeitpunkt des Absterbens sind abhängig von der Baumart und den Lebensbedingungen unter denen ein Baum wächst. Spaziert man durch unsere Wälder, wird einem auffallen, dass die meisten Bäume sich in Alter und Höhe ähneln. Das hängt mit der Form der Bewirtschaftung zusammen (Altersklassenwald). In einem Urwald finden wir dagegen zu jeder Zeit Bäume jeden Alters und verschiedener Höhe. Hier kann das Leben eines Baumes ganz natürlich von Sämling bis Absterben und Zersetzung stattfinden. Deshalb finden wir hier auch eine große Menge Totholz.
Im Altersklassenwald dagegen werden die meisten Bäume geerntet bevor sie von selbst absterben. Was man hier an Totholz findet, wurde in der Regel bewusst dort belassen.
Das klingt in den Ohren einer immer grüner werdenden Gesellschaft nicht sehr populär. Da unser Wald aber auch ein Wirtschaftsraum und Arbeitsplatz für viele Menschen ist, kann man ihn nicht dem völligen Willen der Natur überlassen. Vor einigen Jahren haben Wissenschaftler und Förster festgestellt, dass viele Arten aus dem Altersklassenwald verschwunden sind, weil ihnen die Lebensgrundlage durch Verlust ihrer Biotope entzogen wurde. Um diesen Prozess aufzuhalten und umzukehren, versucht man die Natur mit unseren Mitteln „nachzuahmen“. Mischwälder, wie man sie heute in großen Teilen Deutschlands findet, stellen eine Annäherung an den natürlichen Urzustand dar – und ermöglichen gleichzeitig gezielten wirtschaftlichen Nutzen. Der Nutzen eines strukturierten Mischwaldes liegt so nicht nur beim Waldbesitzer – auch die Arten kehren zurück.


Im Folgenden werden einige Arten näher beleuchtet, die für die einzelnen Zerfallsphasen typisch sind.

Phase 1: stehendes/frisches Totholz (1 – 4 J.)

Borkenkäfer, Bockkäfer, Spechte, Fledermäuse
Der Baum ist geschwächt oder grade abgestorben. Pilze habe das Holz oder einzelne Partien besiedelt und machen es damit für eine Vielzahl von Arten zum attraktiven Lebensraum.

Borkenkäfer
Borkenkäfer sind Bestandteil jedes Waldökosystems. Treten sie massenhaften auf, werden sie für die Forstwirtschaft schnell zum Problem. Borkenkäfer stehen ganz am Anfang der „Totholz-Kette“: sie befallen geschwächte (und manchmal auch gesunde) Bäume, bohren sich durch die Rinde ein und legen darunter Gänge für ihre Eier an. Die Larven fressen sich durch das Kambium und beschädigen so die Nährstoffleitbahn des Baumes. Dies führt häufig zum Absterben der Bäume – Totholz entsteht...
Der bedeutendste Borkenkäfer Deutschlands heißt „Buchdrucker“. Seinen Namen hat ihm das System an Gängen eingebracht die er unter der Rinde frisst. Meist befällt er Nadelbäume (vor allem die Fichten) und kann hier große Schäden an ganzen Beständen anrichten.
Ein weiterer bekannter Borkenkäfer ist der „Kupferstecher“. Etwas wenig kleiner als der Buchdrucker, besiedelt er vorwiegend Äste und dünneres Holz. Häufg findet man beide Arten an einem Baum.
Auch an Laubbäumen kommen Borkenkäfer vor, die wirtschaftlichen Schäden sind aber deutlich geringer als beim Nadelholz.

Eichenbock
Der große Eichenbock (auch Heldbock, Riesenbock) ist, mit bis zu 5 cm Länge, einer der größten Käfer Europas. Da das Biotop was er benötigt kaum noch vorhanden ist, ist die Art vom Aussterben bedroht. Wie der Name verrät lebt der Eichenbock vorwiegend an Eichen, wenn sie absterben und an feuchten, sonnigen Orten stehen. Am wohlsten fühlt er sich wenn der Baum noch nicht ganz abgestorben ist. Solche Eichen findet man häufig in der Zerfallsphase eines Urwaldes – die gibt es bei uns nur kaum... Die Larve des Eichenbocks frisst sich sogar bis ins Kernholz vor während sich die ausgewachsenen Käfer hauptsächlich vegetarisch von Pollen ernähren. Lange wurde die Art als „Forstschädling“ eingestuft und bekämpft. Diesen Irrtum hat man inzwischen erkannt und die Art unter strengen Schutz gestellt (FFH Anhang II und IV).


Schwarzspecht
Dieser fleißige Zimmermann ist eine der wichtigsten Arten in unseren Wäldern! Mit seinem kräftigen Schnabel haut unser größter heimischer Specht Höhlen in alte Laubbäume (besonders Buchen, Eichen, Linden). Bei einem aufmerksamen Spaziergang durch den Wald, kann man seine Höhlen in 8 - 20 m Höhe alter Bäume sehen. Der Eingang ist oval und etwa 10 cm groß. Diese nutzt der Schwarzspecht nicht nur selbst als Schlaf- und Brutquartiere, er hat auch eine ganze Reihe Untermieter. Er zieht regelmäßig um und legt so im Lauf der Jahre eine Vielzahl von Höhlen an. Sobald der Hausherr ausgezogen ist fühlen sich u.a. Hohltauben, Rauhfußkäuze, Insekten und Fledermäuse dort sehr wohl.
Schwarzspechthöhlen sind stets ein gutes Zeichen im Wald: ist diese „Flagschiffart“ vertreten, sind es seine Folgearten meistens auch.


Fledermaus
Eine Vielzahl von Fledermausarten (24!) flattert jeden Abend durch die Luft. Einige davon leben an unseren Häusern, auf Dachböden und an alten Gebäuden, andere leben und jagen im Wald. Unter ihnen findet man z.B. die Bechsteinfledermaus, das Braune Langohr, den Großen und Kleinen Abendsegler und die Mopsfledermaus. Sie alle benötigen mehr oder weniger dichte Laub- oder Mischbestände, wo sie nachts Insekten jagen. Jede hat ihre ganz eigene Strategie und eine eigene „Nische“ in der sie ihr Futter findet. Alle gemeinsam teilen das Bedürfnis nach einer Brut- und Schlafstätte. Diese finden die meisten von ihnen in Baumhöhlen und Spaltenquatrieren abgestorbener Bäume. Genau aus diesem Grund sind viele unserer heimischen Fledermäuse sehr gefährdet! Ihre Rückzugsorte werden nicht als solche erkannt und beschädigt, die Tiere werden gestört oder finden schlicht keinen geeigneten Platz um ihre Jungen aufzuziehen und zu ruhen. Deshalb sind bestimmte Fledermausarten gesetzlich streng geschützt! Durch die gezielte Erhaltung abgestorbener Bäume, Höhlenbäume und die Schaffung geeigneter Waldstrukturen kann man Fledermäusen ein attraktives Biotop in unseren Wäldern bieten.

Phase 2: leicht bis stark zersetztes Totholz (4 - 10 J.)

Das Holz ist deutlich porös, faserig und einzelne Partien leicht brechbar.

Hirschkäfer
Diesen bekannten Käfer verbindet man wahrscheinlich am schnellsten mit Totholz. Seinen Namen bringt dem großen und wohl auffälligsten Käfer Deutschlands seine „geweihartigen Mandibeln“ (= Mundwerkzeuge) ein. Die Mandibeln des Weibchens sind deutlich kleiner. Das Männchen nutzt sie lediglich zum Kämpfen, die Nahrungsaufnahme besteht im Lecken von Pflanzensäften. Dabei lässt er sich vom Weibchen zu Hand gehen, die für ihn geeignete Stellen aussucht (z.B. an der Eichenrinde) und freilegt. Adulte Hirschkäfer leben nur drei bis acht Wochen. Ein sehr kurzer Zeitraum, bedenket man, dass die Larven des Käfers zwischen drei bis acht Jahren für ihre Entwicklung benötigen! Das Weibchen legt die Eier an morschen Wurzeln verfaulender Eichen im Boden ab. Die Larven brauchen von Pilzen zersetztes Totholz um sich zu ernähren und können eine Länge von über 10 cm erreichen. Der totholzgebundene Hirschkäfer steht auf der roten Liste und gilt als gefährdet, weil die für ihn geeigneten Lebensräume sehr rar sind. FFH (Anhang II) regelt seinen Schutz, aufgrund verschiedener nationaler Fördermaßnahmen hat die Population wieder leicht zugenommen. 2012 war der Hirschkäfer Insekt des Jahres.

Phase 3: liegendes Totholz (> 10 J.)

Regenwürmer, Asseln, Schnecken, Milben, Ameisen...
Zwar ist das Holz noch als solches erkennbar, es zerfällt nun aber leicht und lässt sich mühelos in die einzelnen Bestandteile zerlegen. Kleinstlebewesen wie Asseln, Milben, Springschwänze und allerlei kleine Kriechtiere sorgen nun für die Zersetzung der letzten Reste. Zurück bleibt ein lockerer Humus.


Totholz und §§

In einer Vielzahl Deutscher Gesetze finden sich Forderungen wie „die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes im Wald dauerhaft zu sichern“ oder „den Wald als Lebensgemeinschaft von Tieren und Pflanzen zu bewahren“. Der Schutz wildlebender Tiere ist ausdrücklich im § 39 und § 41 des Bundesnaturschutzgesetzes geregelt. Der Gesetzgeber hat erkannt, dass der Wald mehr ist als ein Produktionsraum ist und so den Schutz der hier lebenden Arten fixiert. Dazu zählen natürlich auch der Schutz und die Förderung totholzgebundener Arten.

Konflikte

Bei all den faszinierenden Eigenschaften die Biotopholz vereint, kann es aber auch zu Problemen führen. Kritisch wird es häufig, wenn menschliche Interessen mit denen des Naturschutzes kollidieren. Besonders wenn von der Natur Gefahr ausgeht, muss genau abgewogen werden. Man stelle sich eine alte Eiche an einem Wanderparkplatz vor: für Höhlenbrüter mag sie ein Paradies sein, nicht für den Spaziergänger auf den ein morscher Ast herabstürzt... Verkehrssicherung und Totholz sind immer wieder ein Thema, das für Konflikte sorgt.

 

Claudia Schulze

 

 

 

 

Baumschreiberin

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Baumschreiberin

Daisy Liebau

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