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4) Brot der Armen
   

Wer heute Kastaniennüsse auf seinen Speiseplan setzt, der hat eher kulinarisches Beiwerk im Sinn. Der charakteristische Geschmack der fettarmen, stärkereichen und süßlichen Maronen eignet sich bestens, um mal neue, ungewohnte Akzente bei Suppen, Beilagen oder Süßspeisen zu setzen. Für wohlhabende Menschen war die Kastanie schon seit der Antike eine willkommene und delikate Abwechslung in der herbstlichen Menüabfolge.

Doch – so schrieb schon der Botaniker Jacques Daléchamps aus Lyon Mitte des 16. Jahrhunderts: „Die Kastanie ist das Dessert für die Tafel der Reichen sowie das Fleisch für die Armen.“ Denn für große Teile der Bevölkerung, vor allem in den ländlichen kargen Bergregionen Südeuropas, wo der Anbau von Getreide unergiebig oder unmöglich war, war die Ess-Kastanie bis ins 19. Jahrhundert hinein das Hauptnahrungsmittel. Geröstet oder gekocht kam sie auf den Tisch. Zu Gries oder Mehl gemahlen ließ sich daraus eine Art Polenta herstellen, Suppe kochen oder Brot backen. Gedörrte Kastanien und Kastanienmehl waren bis zu zwei Jahre haltbar. Wenn nach Missernten im Lande Hungersnot drohte, blieben die Kastanien aus den Bergen das einzige, oft lebensrettende Nahrungsmittel.

Viele der großen mediterranen Kastanienanbauflächen – im Tessin, in Ligurien, in den Cevennen oder auf Korsika – liegen heute brach. Es waren meist terrassierte Berghänge, locker bestanden mit Kastanienbäumen, unter denen Heu gemacht wurde, Ziegen und Schafe weiden konnten und – nach der Ernte – auch noch ein paar Schweine satt wurden. Doch Mais und Kartoffeln wurden mehr und mehr zu konkurrierenden Stärkelieferanten. Die großen Fortschritte in der landwirtschaftlichen Produktion im Laufe des 19. Jahrhunderts schwächten die wirtschaftliche Bedeutung des mühsamen Kastanienanbaus in den Bergen weiter.

Als dann auch noch eine die Wurzeln zerstörende Pilzkrankheit, die sogenannte Tintenkrankheit, große Lücken in die Kastanienhaine Südeuropas schlug, nahm das Interesse an der Kastanienwirtschaft weiter ab. Infolge der zunehmenden Landflucht im 20. Jahrhundert wurden dann fast alle noch bestehenden Kulturen aufgegeben. Viele dieser ehemaligen Kulturen sind aber nicht verschwunden, sondern inzwischen zu wunderschönen, aber meist nur noch touristisch genutzten Kastanienwäldern verwildert. Der heute größte zusammenhängende Kastanienwald Europas ist der Brentan. Er steht im Schweizer Graubünden an der Grenze zu Italien und wird in Teilen auch noch bewirtschaftet. 

 

Abb. links: Reifer Fruchtstand mit Nussfrüchten, Foto: Benjamin Gimmel
Abb. rechts: Herbst, Foto: Andreas Roloff

 

5) Der dickste baum der Welt

Die Ess-Kastanie kann über 35m hoch werden ... weiter zu 5) 

 

 

 

Text: Dr. Rudolf Fenner, Vertreter von ROBIN WOOD im Kuratorium Baum des Jahres

 

 

 

Baumkönigin

Anne Köhler
Baumkönigin 2018