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3) Nutzung


Doch auch wenn Anbau und Bewirtschaftung der Ess-Kastanien bei uns weitgehend aufgegeben wurden – die meisten Bäume blieben stehen, sodass sich die ehemaligen Kulturen auch heute noch vielerorts recht gut in der Landschaft erkennen lassen. Die größten Ess-Kastanienbestände befinden sich im Oberrheingraben am Ostrand des Pfälzerwaldes, der sogenannten Haardt, sowie am Westhang des Schwarzwaldes, vor allem im Ortenaukreis.

Holz und Rinde

Es waren fast ausschließlich Niederwälder, in denen die ausschlagfreudigen Ess-Kastanienbäume etwa alle 15 Jahre „auf den Stock“ gesetzt wurden. Sie dienten vorrangig zur Versorgung der Winzer mit Rebstöcken und standen meist in einem breiten Streifen direkt oberhalb der Weinberge. Bäume, deren Holz für den Hausbau, Fassdauben oder Masten gebraucht wurde, ließ man immerhin doppelt so alt werden. Da Holz und Rinde der Ess-Kastanie einen ungewöhnlich hohen Gehalt an Gerbsäuren haben und auch der Brennwert des Holzes recht hoch ist, wurden in solchen Niederwäldern auch Brennholz und Gerberlohe gewonnen.Heute sind diese aufgegebenen Niederwälder zu einer Art Hochwald ausgewachsen. Die Bäume sind aber aufgrund ihrer Vorgeschichte oft mehrstämmig, neigen dazu, frühzeitig hohl zu werden („Ringschäle“), und haben nur selten holzwirtschaftlich wertvolle, gerade gewachsene Stämme.
 

Abb. links: Borke, Foto: H.J. Arndt  /  Abb. mitte: Möbelstück, Foto: Th. Kellner
Abb. rechts: Holzschale, Foto: Atelier Wallner

 

Selven

Kulturen, die angelegt wurden, um die Früchte der Ess-Kastanien zu gewinnen, waren lockere, offene Bestände aus Bäumen mit meist kurzen Stämmen und breiten Kronen. In diesen sogenannten Selven wuchsen auf junge Ess-Kastanienstämme gepfropfte Sorten, deren Früchte größer und wohlschmeckender waren.
Solche Selven müssen recht erfolgreich und produktiv gewesen sein. Jedenfalls legt das ein Bericht aus dem 16. Jahrhundert nahe, aus dem hervorgeht, dass Kastanienfrüchte aus dem Heidelberger Gebiet über den Rhein bis in die Niederlande und auch nach England verschifft wurden. Bekannt sind auch die Selven nördlich von Frankfurt am Taunushang rund um Kronberg. Hier kaufte alljährlich Mutter Goethe für ihren berühmten Sohn Kastanienfrüchte ein und schickte eine Kiste davon per Postkutsche an seine Familie in Weimar.

Bewirtschaftete Selve in den Cevennen, Foto: R. Fenner

Nicht nur der kulinarische Aspekt der Kastanienfrüchte hatte es Goethe angetan. Dafür spricht zumindest sein Gedicht an seine heimliche Muse Marianne von Willemer aus dem Buch Suleika im West-Östlichen Divan:

An vollen Büschelzweigen, Geliebte, sieh‘ nur hin!
Laß dir die Früchte zeigen, umschalet stachlig grün.

Sie hängen längst geballet, still, unbekannt mit sich,
Ein Ast, der schaukelnd wallet, wiegt sie geduldiglich.

Doch immer reift von Innen und schwillt der braune Kern,
Er möchte Luft gewinnen und säh die Sonne gern.

Die Schale platzt und nieder macht er sich freudig los;
So fallen meine Lieder gehäuft in deinen Schoß


Für Goethe – aber auch für die Frankfurter Bürger – waren diese „Kronberger Keste“ unverzichtbar, wenn es darum ging, die Martinsgans zu füllen.

Viele der heute nicht mehr bewirtschafteten Selven am Taunushang sind noch vorhanden: Kastanienhaine, verdichtet und durchwachsen von jüngeren Ess-Kastanien, dazwischen aber auch noch ab und an einzelne über 300-jährige Zeitzeugen. Auch in den bewaldeten Berghängen hinter dem Heidelberger Schloss stehen noch immer zahlreiche Ess-Kastanien, die während der Blütezeit im Frühsommer schon von Weitem zu sehen sind.


Honig ist ein nicht unwesentliches Nebenprodukt dieser Selven. Die oft in geradezu verschwenderischer Fülle die gesamte Krone überziehenden Blüten der rund 30 Tage lang blühenden Ess-Kastanie sind ausgesprochen nektarreich. Der Honig ist dunkel bernsteinfarben, hat einen sehr aromatischen, leicht herben Geschmack und ist überaus pollenreich.  

 

Abb. links: Weiblicher Blütenstand Foto: Ralf Kubosch
Abb. mitte: Beides geht: Insekten- und Windbestäubung, Foto: Wolf-Peter Polzin
Abb. rechts: Fruchtstände kurz vor der Reife, Foto: Andreas Roloff

 

Was ist eine Marone?

Als Maronen werden meist die Früchte bestimmter Ess-Kastaniensorten bezeichnet, die besonders groß sind. Oft enthält der stachelige Fruchtbecher solcher Sorten statt üblicherweise drei nur eine einzige Frucht. Deren braune Schalen sind in der Regel heller, oft auch hell und dunkel gestreift. Ein ganz wichtiges Kriterium ist auch, dass die geschmacklich störende innere Samenhaut nicht in die Spalten des Kerns eingewachsen ist. Sie läßt sich daher leicht entfernen. Der Begriff Marone wird allerdings nicht in allen Herkunftsländern einheitlich benutzt.

Abb. Reifer Fruchtstand mit Nussfrüchten
(Foto: Benjamin Gimmel)

Baumkönigin

Anne Köhler
Baumkönigin 2018