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2) Historie


Die Römer haben die Ess-Kastanie vor rund 2000 Jahren über die Alpen gebracht. So ist zumindest die gängige Darstellung, wie die Kastanie zu uns nach Deutschland gekommen sein soll. Ganz so wird es wohl nicht gewesen sein. Zum einen gibt es am nördlichen Alpenrand vereinzelte bronzezeitliche Funde von Pollen und Holz der Ess-Kastanie. Zum anderen spricht auch einiges dafür, dass uns die Griechen – zumindest indirekt – die Kastanienbäume schon fast ein halbes Jahrtausend vor den Römern bescherten. Denn in der Region der griechischen Kolonie Massalia, dem heutigen Marseille, wurden schon um 400 vor unserer Zeitrechnung Ess-Kastanien angebaut und gehandelt. Und so könnte sie über die schon seit der Bronzezeit bestehende Handelsroute über das Tal der Rhone und die Burgunder Pforte zu uns nach Süddeutschland gekommen sein.

Mit Sicherheit aber war es das Verdienst der Römer, im besetzten Germanien den Anbau, die Veredlung und Verarbeitung der Ess-Kastanien zu etablieren. Sie hatten zu dieser Zeit bereits Erfahrungen mit der Kultivierung von Ess-Kastanien zur Gewinnung der Früchte und sie kannten die Vorteile des gegen Verrottung erstaunlich resistenten Kastanienholzes im Weinbau. Zu Hause in ihrem Stammland hatten sie daher sowohl Früchte liefernde Kastanienhaine als auch Kastaniengehölze, aus denen sie das Holz für die Rebstöcke, Rankhilfen, Pfähle und Fassdauben holten. Beides – Kastanienkulturen und Weinanbau – hat daher dank der Römer an den Hängen des Oberrheins, der Nahe, der Mosel und der Saar eine rund zweitausendjährige gemeinsame Geschichte, die erst in den letzten 150 Jahren nach und nach zu Ende gegangen ist. Rebstöcke sind heute meist aus Metall, Beton oder Plastik, Fässer aus Stahl oder Kunststoff. Und die Kastanienfrüchte kommen heute größer und billiger vorwiegend aus Italien, Frankreich, Spanien und der Türkei.
 

Mittelalterliche Darstellung Tacuinum
Ess-Kastanie in der Bourgogne, Foto: Rudolf Fenner
Herbst, Foto: A. Roloff

Die Zahme und die Wilde Kastanie – Exkurs II

Beide, ESS-KKASTANIE und ROSSKASTANIE, sind ursprünglich in Deutschland nicht zu Hause, sondern wurden vom Menschen hierhergebracht. Doch auch in diesem Punkt sind die Unterschiede zwischen beiden Baumarten erheblich:

Die ROSSKASTANIE kam im 16. Jahrhundert im Diplomatengepäck aus Interesse an fremdländischer Botanik nach Mitteleuropa. Sie gilt als echter Neophyt, weil sie erst nach dem Stichjahr 1492, der Entdeckung Amerikas, bei uns aufgetaucht ist. Richtig eingelebt hat sie sich hier nicht. Nur unter der Obhut des Menschen gedeiht sie prächtig in Städten, Dörfern, Parks, Gärten und Alleen.

Die ESS-KASTANIE gilt, da sie ja schon lange vor dem besagten Jahr 1492 bei uns lebte, nicht als Neo-, sondern als sogenannter Archäophyt. Das bedeutet: Sie gilt zwar – weil sie erst durch direkten oder indirektenmenschlichen Einfluß hier Fuß gefasst hat  – nicht als heimische Baum-art, ist aber dennoch – zumindest in Südwestdeutschland – längst in der über Jahrtausende entstandene Kulturlandschaft heimisch geworden. Sie hält sich vielerorts auch langfristig oder sogar dauerhaft, wenn ihre Nutzung und Bewirtschaftung eingestellt wurden.

 

3) Nutzung und Bewirtschaftung
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Baumkönigin

Anne Köhler
Baumkönigin 2018